Selank vs. Semax: der Unterschied in Wirkprofil und Forschung

Selank vs. Semax: der Unterschied in Wirkprofil und Forschung

Selank und Semax werden oft in einem Atemzug genannt. Beide sind synthetische Heptapeptide — Ketten aus genau sieben Aminosäuren — und beide werden in der Forschung zu den Nootropika gezählt. Chemisch gesehen sind es dennoch zwei völlig verschiedene Moleküle, mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Forschungsrichtung.

In diesem Artikel stellen wir sie nebeneinander: was sie genau sind, woher ihre Sequenz stammt, wie sich ihr Wirkprofil in der Literatur unterscheidet und warum Forscher sie manchmal in Kombination betrachten.

Selank und Semax in Kürze

Der schnellste Weg, den Unterschied zu erkennen, ist die molekulare Grundlage nebeneinanderzulegen. Alle nachstehenden Werte stammen aus PubChem, der chemischen Datenbank des US-amerikanischen National Center for Biotechnology Information.

EigenschaftSemaxSelank
MolekültypSynthetisches HeptapeptidSynthetisches Heptapeptid
AminosäuresequenzMet-Glu-His-Phe-Pro-Gly-ProThr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro
Abgeleitet vonACTH(4-7)-FragmentTuftsin (Thr-Lys-Pro-Arg)
SummenformelC37H51N9O10SC33H57N11O9
Molekülmasse813,9 g/mol751,9 g/mol
CAS-Nummer80714-61-0129954-34-3
PubChem CID981110211765600
Gemeinsames StrukturelementC-terminales Pro-Gly-ProC-terminales Pro-Gly-Pro
Forschung konzentriert sich aufNeurotrophe Faktoren, MonoaminsystemeGABA-Signalgebung, Angstreaktion

Was sofort auffällt: Die beiden Sequenzen teilen auf den ersten vier Positionen keine einzige Aminosäure, enden aber beide mit demselben Schwanz. Weiter unten in diesem Artikel erklären wir, warum das so ist. Beide Peptide finden Sie in unserer Kategorie Kognition & Fokus.

Was ist Semax?

Semax ist ein synthetisches Heptapeptid mit der Sequenz Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro, in der Einbuchstaben-Notation abgekürzt als MEHFPGP. Das Molekül ist mit 813,9 g/mol das schwerere der beiden und das einzige der beiden, das Schwefel enthält — das liegt am Methionin (Met), mit dem die Kette beginnt.

Woher die Sequenz stammt

Die ersten vier Aminosäuren von Semax — Met-Glu-His-Phe — sind identisch mit den Positionen 4 bis 7 des adrenocorticotropen Hormons (ACTH), eines körpereigenen Hormons aus 39 Aminosäuren. PubChem führt Semax daher auch unter dem Synonym “ACTH (4-7), Pro-Gly-Pro-“. In der älteren Literatur wird Semax oft als Analogon des ACTH(4-10)-Fragments beschrieben, weil dieses längere Fragment der Ausgangspunkt des Forschungsfelds war, aus dem Semax hervorging.

Wichtig zu verstehen: Semax enthält ausschließlich dieses kurze Fragment, nicht das vollständige Hormon. An dieses Fragment wurde ein Schwanz aus drei Aminosäuren angehängt — Pro-Gly-Pro —, der im ursprünglichen ACTH-Molekül an dieser Stelle nicht vorkommt.

Worauf sich die Forschung zu Semax konzentriert

Die veröffentlichte Forschung zu Semax ist größtenteils präklinisch und gruppiert sich um zwei Themen. Das erste ist die Expression neurotropher Faktoren: Proteine, die eine Rolle beim Erhalt und bei der Bildung von Nervenzellen spielen. Eine Studie in Doklady Biological Sciences (2003) untersuchte den Einfluss von Semax auf die BDNF-Expression in verschiedenen Hirnregionen von Ratten, und spätere Arbeiten betrachteten die Regulation von BDNF und des zugehörigen trkB-Rezeptors im Hippocampus von Ratten.

Das zweite Thema ist die Beteiligung von Monoaminsystemen. Forschung an Nagetieren hat den Einfluss von Semax auf dopaminerge und serotonerge Signalwege untersucht. Das sind die Systeme, die in der Neurowissenschaft üblicherweise mit Aufmerksamkeit, Motivation und Stimmungsregulation in Verbindung gebracht werden — was erklärt, warum Semax in der Forschung meist im Kontext kognitiver Themen betrachtet wird.

Was ist Selank?

Selank ist ebenfalls ein synthetisches Heptapeptid, mit der Sequenz Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro. In der Literatur begegnet es Ihnen auch unter dem Codenamen TP-7. Mit 751,9 g/mol ist das Molekül etwas leichter als Semax, und es enthält keinen Schwefel, dafür auffallend viel Stickstoff — elf Atome gegenüber neun bei Semax.

Woher die Sequenz stammt

Die ersten vier Aminosäuren von Selank — Thr-Lys-Pro-Arg — bilden zusammen Tuftsin, ein natürlich vorkommendes Tetrapeptid, das bereits seit den 1970er-Jahren als immunologisch aktives Peptid beschrieben wird. Selank wurde in der Literatur daher als synthetisches Analogon von Tuftsin eingeführt.

Das Muster ist also genau dasselbe wie bei Semax: ein bestehendes, kürzeres Fragment aus der Natur, verlängert um denselben Pro-Gly-Pro-Schwanz. Nur das Ausgangsfragment unterscheidet sich — und genau das ist der Grund, warum die beiden Moleküle ein so unterschiedliches Forschungsprofil haben.

Worauf sich die Forschung zu Selank konzentriert

Während die Semax-Forschung neurotrophe Faktoren betrachtet, dreht sich die Selank-Forschung größtenteils um die GABA-Signalgebung. GABA ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter im zentralen Nervensystem. Ein Review in Protein and Peptide Letters (2018) beschreibt auf Basis von Radioligand-Rezeptoranalysen, dass Selank die GABA-Bindung als positiver allosterischer Modulator beeinflusst, wobei die Bindungsstellen möglicherweise mit denen von Benzodiazepinen überlappen — aber nicht identisch sind.

Eine zweite Forschungslinie betrachtet Enkephalin-abbauende Enzyme, eine dritte das Verhalten von Selank neben bestehenden Substanzen: Unter anderem wurde Tiermodellforschung veröffentlicht, in der Selank zusammen mit Diazepam unter chronischen Stressbedingungen untersucht wurde. Roter Faden in nahezu all diesen Arbeiten ist die Angst- und Stressreaktion, nicht Kognition im Sinne von Gedächtnis oder Lernfähigkeit.

Der Unterschied im Wirkprofil

Legt man die beiden Forschungsfelder nebeneinander, zeichnet sich ein deutlicher Kontrast ab. Es ist der Unterschied zwischen einem aktivierenden und einem dämpfenden Profil — auch wenn das eine Vereinfachung einer Literatur ist, die vor allem aus Tiermodellen besteht.

SemaxSelank
AusgangsfragmentHormonfragment (ACTH)Immunpeptid (Tuftsin)
Am besten untersuchter SignalwegNeurotrophe Faktoren, MonoamineGABA-System
ForschungsthemenAufmerksamkeit, Gedächtnis, mentale LeistungAngstreaktion, Stressresistenz
Grob zu charakterisieren alsAktivierendes ProfilBeruhigendes Profil

Dieser Kontrast ist kein Zufall. Die beiden Moleküle teilen zwar ihre Länge und ihren Schwanz, aber ihr funktioneller Kopf stammt aus zwei völlig verschiedenen biologischen Systemen — der eine aus der Hormonachse, der andere aus dem Immunsystem. Es ist daher präziser, Selank und Semax als zwei Peptide zu sehen, die nach demselben Bauprinzip entworfen wurden, statt als Varianten voneinander.

Warum beide auf Pro-Gly-Pro enden

Das Auffälligste, was Selank und Semax gemeinsam haben, sind ihre letzten drei Aminosäuren: Prolin, Glycin, Prolin. Bei beiden wurde dieses Tripeptid an ein bestehendes natürliches Fragment angehängt, das selbst kürzer ist — in beiden Fällen vier Aminosäuren.

Das ist also eine Designentscheidung, die in beiden Molekülen wiederkehrt, und der Grund, warum sich die beiden Peptide im Aufbau so ähneln, während ihre Herkunft völlig verschieden ist. Wer die beiden Sequenzen ausschreibt, sieht das Muster sofort: vier Aminosäuren, die die Identität des Moleküls bestimmen, gefolgt von drei, die sie teilen.

Wann wird die Kombination untersucht?

Da die beiden Peptide an verschiedenen Systemen ansetzen, werden sie in der Forschung manchmal nebeneinander in einem Protokoll betrachtet statt getrennt. Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn das eine Molekül vor allem mit Aktivierung und Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht wird und das andere mit der Stressreaktion, dann deckt eine Kombination zwei Themen gleichzeitig ab, die in der Praxis oft zusammen untersucht werden.

Genau aus diesem Grund gibt es sie bei uns auch als Semax + Selank Blend, mit beiden Peptiden in einem Vial. Das erspart eine zweite Rekonstitution und hält das Verhältnis der beiden über die Dauer eines Forschungsprotokolls konstant.

Wichtig: Selank und Semax sind Research Compounds. Alle Informationen in diesem Artikel dienen ausschließlich Bildungs- und Forschungszwecken. Es handelt sich größtenteils um präklinische Forschung in Tiermodellen; diese lässt sich nicht ohne Weiteres auf Effekte beim Menschen übertragen. Diese Produkte sind nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt.

Praktisch: Form, Auflösen und Lagern

Beide Peptide werden als Lyophilisat — gefriergetrocknetes Pulver — in einem versiegelten Vial geliefert, mit einer Reinheit von über 99 %. In Pulverform lagern Sie sie kühl, trocken und dunkel bei 2–8 °C; zur Langzeitlagerung bei -20 °C, ausschließlich in Pulverform. Nach der Rekonstitution mit bakteriostatischem Wasser lagern Sie das gelöste Vial bei 2–8 °C.

Das Rekonstituieren selbst funktioniert bei beiden Peptiden auf dieselbe Weise. Wie Sie die richtige Konzentration berechnen und welche Fehler Sie dabei vermeiden sollten, lesen Sie in unserem vollständigen Rekonstitutions- und Lagerungsleitfaden.

Häufig gestellte Fragen zu Selank und Semax

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Selank und Semax?

Die Forschungsrichtung. Die Semax-Forschung konzentriert sich auf neurotrophe Faktoren und Monoaminsysteme, mit Themen rund um Aufmerksamkeit und mentale Leistung. Die Selank-Forschung konzentriert sich auf die GABA-Signalgebung, mit Themen rund um die Angst- und Stressreaktion. Chemisch unterscheiden sie sich in ihren ersten vier Aminosäuren.

Sind Selank und Semax dieselbe Art von Molekül?

Vom Bauprinzip her ja: Beide sind synthetische Heptapeptide, bei denen ein natürliches Tetrapeptid-Fragment um Pro-Gly-Pro verlängert wurde. Von der Herkunft her nein: Semax geht auf ein Hormonfragment zurück, Selank auf ein immunologisch aktives Peptid.

Warum enden beide Peptide auf Pro-Gly-Pro?

Bei beiden wurde derselbe Schwanz aus drei Aminosäuren an das ursprüngliche natürliche Fragment angehängt. Es ist eine wiederkehrende Designentscheidung innerhalb dieser Peptidgruppe und der Grund, warum sich die beiden Moleküle strukturell ähneln, trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft.

Was ist Tuftsin?

Tuftsin ist ein natürlich vorkommendes Tetrapeptid mit der Sequenz Thr-Lys-Pro-Arg, das seit den 1970er-Jahren im Zusammenhang mit Immunaktivität beschrieben wird. Es bildet die ersten vier Aminosäuren von Selank.

Warum werden Semax und Selank manchmal kombiniert?

Weil sie an verschiedenen Systemen ansetzen. Ein kombiniertes Protokoll deckt damit zwei Forschungsthemen gleichzeitig ab — Aktivierung und Stressreaktion — statt nur eines. Der Blend enthält beide Peptide in einem Vial.

Welches der beiden eignet sich besser für den Einstieg?

Das hängt vollständig vom Thema ab, das Sie untersuchen möchten, nicht von einer Rangordnung zwischen den beiden. Liegt der Fokus auf Aufmerksamkeit und mentaler Leistung, passt Semax von der Literatur her am besten. Geht es um Stressreaktion und mentale Ruhe, ist das Selank.


Quellen und weiterführende Literatur:

PeptideCenter kennisbank

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